Ein winterlicher Liebesroman über eine Kleinstadt, die zusammenhält, verletzte Wildtiere und die Frage, ob man lernen kann, Nähe wieder zuzulassen.
Erscheint am: 4. November 2026
Erhältlich als: E-Book und Taschenbuch
E-Book auch mit Kindle Unlimited lesbar
Umfang:
Amazon: 321 Seiten
Tolino Media: 300 Seiten
ISBN Amazon: 979-8-1715-7878-7
ISBN Tolino Media: 978-3-6956-8938-5
Als Lucy und ihrer Grandma die Wohnung gekündigt wird, ersteigert sie in der verschneiten Kleinstadt Snowberry Ridge das frühere Zuhause ihrer Großeltern. Doch das Haus entpuppt sich als kostspielige Baustelle, und Lucy braucht dringend einen Job.
Die einzige Aussicht auf eine feste Stelle bietet die Wildtierauffangstation nebenan – doch deren Leiter Nate hält Lucy für ungeeignet. Widerwillig gibt er ihr eine Chance.
Während sie Futter vorbereitet, Gehege säubert und sogar eine Schwäche für einen frechen Waschbären entwickelt, will sie Nate beweisen, dass er sich in ihr täuscht. Dass es zwischen ihnen zu knistern beginnt, war allerdings nicht Teil ihres Plans. Denn Lucy weiß nur zu gut, wie schmerzhaft es ist, einen geliebten Menschen zu verlieren …
Snowberry Ridge Love · Band 1 · unabhängig lesbar
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Lucy und ihre Grandma ersteigern das frühere Zuhause ihrer Großeltern in Snowberry Ridge. Doch aus dem erhofften Neuanfang wird schnell eine Baustelle mit maroder Elektrik, undichten Fenstern und einer langen Reparaturliste.
Futter vorbereiten, Gehege säubern und verletzte Wildtiere versorgen: Für Lucy ist die Arbeit völlig neu. Besonders ein frecher Waschbär namens Scout macht es ihr schwer, professionelle Distanz zu wahren.
Nate hält die Großstädterin zunächst für ungeeignet für die Arbeit in seiner Wildtierauffangstation. Lucy will ihm unbedingt das Gegenteil beweisen – und merkt dabei, dass hinter seinem mürrischen Auftreten weit mehr steckt.
Die Hawthornes, das Maple Diner und jede Menge hilfsbereite Einwohner sorgen dafür, dass Lucy in Snowberry Ridge kaum lange allein mit einem Problem bleibt – selbst wenn sie überhaupt nicht um Hilfe gebeten hat.
Snowberry Ridge liegt rund zwei Autostunden von Winnipeg entfernt. Die Kleinstadt ist kein herausgeputzter Ferienort: Im Winter liegen die Straßen unter Schnee, über den Häusern hängt Holzrauch und im Zentrum konzentriert sich das Leben auf wenige Geschäfte und Treffpunkte. Im Maple Diner kennt Judy nicht nur die Bestellungen ihrer Stammgäste, sondern meistens auch die neuesten Geschichten aus dem Ort. Wer am Abend Gesellschaft sucht, landet früher oder später im The Ridge.
Für Lucy beginnt ihr neues Leben allerdings etwas außerhalb des Zentrums. Gemeinsam mit ihrer Grandma zieht sie in das frühere Haus ihrer Großeltern – renovierungsbedürftig, zugig und voller Erinnerungen. Nur wenige Gehminuten entfernt liegt die Snowberry Ridge Wildlife Rescue. Dort kümmert Nate sich unter anderem um einen Waschbären, eine Schnee-Eule, ein Stachelschwein und einen verletzten Kojoten. Ausgerechnet dieser Ort wird für Lucy bald wichtiger, als sie bei ihrer Ankunft je erwartet hätte.
Mit »Neuanfang in Snowberry Ridge« beginnt die Snowberry-Ridge-Love-Reihe. Auch in den nächsten Geschichten kehren wir in die kleine Gemeinde in Manitoba und zu ihren Bewohnern zurück.
Auszug aus »Neuanfang in Snowberry Ridge«
Ich starre das Kündigungsschreiben unseres Vermieters an, obwohl ich mittlerweile jeden Satz darin auswendig kenne. Vielleicht fängt es dadurch doch noch Feuer und verschwindet. Und damit das Problem, dass wir in fünf Wochen obdachlos sein werden. Aber es passiert nichts. Frustriert aktualisiere ich die Website mit den Wohnungsanzeigen auf meinem Laptop, der lauter pustet als unsere gluckernde Kaffeemaschine. Neue Treffer: Null!
»Mist«, murre ich und lasse den Kopf kurz nach vorn sinken. Dann atme ich durch, stehe von der Couch auf und hole mir aus der Küche eine frisch aufgebrühte Tasse Kaffee. Klar, Koffein hilft in meiner Situation auch nicht, aber nach zwei Monaten verzweifelter Wohnungssuche male ich mir längst sämtliche Horrorszenarien aus.
Werden wir auf der Straße landen? Im Winter?
Allein bei der Vorstellung kommen mir die Tränen, weshalb ich einen großen Schluck Kaffee nehme und mir direkt die Zunge verbrenne. Verflixt. Mit der Suchmaschine meines Vertrauens stöbere ich nach neuen Wohnungsanzeigen und scrolle eine gefühlte Ewigkeit durch verschiedene Seiten.
»Und?« Grandma blinzelt verschlafen durch ihre Brille, als sie mit ihrem Gehstock in der Hand das Badezimmer verlässt und sich neben mich auf die Couch setzt. Seit die Arthrose in ihrem rechten Knie schlimmer geworden ist, braucht sie die Gehhilfe vor allem morgens und an kalten Tagen. Trotzdem lässt sie sich mit ihren dreiundsiebzig Jahren nur ungern helfen. Heute sieht sie aus, als hätte sie schlecht geschlafen. Mir geht es momentan nicht anders.
»Wenn wir jemals den Wunsch hätten, in einem Kellerloch zu leben, ist jetzt unsere Chance«, erwidere ich gespielt euphorisch und deute auf das Foto einer Anzeige, die ein charmantes Souterrain mit viel Potenzial verspricht. Es gibt nur ein einzelnes, schmales Fenster knapp über Schneehöhe in einer betonfarbenen Wand. Vermutlich ist mit Potenzial Schimmel gemeint oder die realistische Möglichkeit, innerhalb von drei Wochen eine depressive Episode zu entwickeln.
»Potenzial wofür?« Grandma schnaubt leise und legt die hellblaue Wolldecke über ihre Beine. Die Füße, die in dicken Stricksocken stecken, platziert sie auf dem Hocker. Sie schnappt sich das unvollendete Kreuzworträtsel und einen Kugelschreiber vom Couchtisch. Das warme Licht der Stehlampe lässt ihre Haut gelblicher wirken, als sie ist, und zaubert ihre grauen Haare in ein helles Blond.
Ich klicke die Anzeige weg. Die nächste ist eine Einzimmerwohnung mit offenem Grundriss. Das klingt besser, als zu schreiben, dass man vom Bett aus den Kühlschrank berühren kann. »Die hier hat einen Herd direkt neben dem Kleiderschrank.«
Grandma blickt mit gerunzelter Stirn auf. »Sehr effizient.«
»Eher brandgefährlich.«
Ich lasse den Kopf gegen die Rückenlehne der Couch sinken und reibe mir mit den Fingern die Schläfen. Meine Augen tun weh vom stundenlangen Starren auf den Bildschirm. Vielleicht schmerzt auch mein Kopf vom ständigen Rechnen. Miete, Nebenkosten, Lebensmittel, Medikamente, Kaution, Fahrtkosten. Immer wieder dieselben Zahlen in unterschiedlichen, niederschmetternden Kombinationen.
In den letzten Wochen habe ich jede freie Minute mit der Wohnungssuche verbracht. Ich habe unzählige Nachrichten geschrieben, Besichtigungsformulare ausgefüllt und Telefonate geführt. Ohne Erfolg.
»Wir finden etwas«, sagt Grandma und tätschelt meinen Arm. Ihre Worte sind voller Zuversicht.
Ich nicke, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob sie recht behält. »Klar.« Mein Blick wandert wieder zum Laptop. Weitere Anzeigen, Fotos und schwindelerregende Mietpreise, die ich mit meinem Gehalt und der kleinen Rente von Grandma definitiv nicht bezahlen kann.
Alles ist gut. Alles ist gut. Alles ist gut.
Ein leises Pling kündigt den Eingang einer neuen E-Mail mit dem Betreff »Vielen Dank für Ihr Interesse« an. Wieder eine Absage. Kein Wunder, es hat über zwanzig Interessenten gegeben. Langsam presse ich die Lippen zusammen und schaue auf den Bildschirm, bis die Buchstaben der Nachricht verschwimmen.
Ich darf die Emotionen nicht überhandnehmen lassen, sondern muss weitersuchen, To-do-Listen anfertigen und Besichtigungen organisieren. Kurz: eine Lösung finden. So, wie ich es immer tue. Nicht jammern, nicht warten. Und auch nicht hoffen, dass jemand auftaucht und meine Probleme löst.
Um mich zu sammeln, schließe ich die Augen und wiederhole mein Mantra, mit dem ich seit Wochen versuche, überhaupt noch positive Gedanken aufzubringen.
Alles ist gut. Wir haben eine neue Wohnung gefunden. Wir sind darin glücklich. Wir haben …
»Lucy?«
Erschrocken sehe ich auf. Grandma hat das Kreuzworträtsel weggelegt und betrachtet mich über den Rand ihrer Brille hinweg.
»Hm?«
»Du knabberst an deinem Ärmel.«
Ich lasse den Stoff sofort los und ziehe den feuchten Saum über die Hand. »Ich rechne.«
»Du sorgst dich.« Sanft streichelt sie meine Wange. »Wir müssen keine teure Wohnung nehmen, nur weil die Zeit drängt.«
»Ich will dich nicht irgendwo unterbringen, wo du dich unwohl fühlst oder unzählige Treppen steigen musst.«
»Mein Schatz.« Ihr Blick wird weich. »Wir schaffen das. Gemeinsam.«
Gemeinsam. Natürlich. Trotzdem fühlt es sich an, als müsste ich das allein regeln. Nicht unbedingt, weil Grandma es von mir erwartet, sondern weil ich mir seit Grandpas Tod angewöhnt habe, mich um alles Praktische zu kümmern. Rechnungen, Termine, Einkäufe, Schriftverkehr. Sobald ein Problem auftaucht, suche ich nach einer Lösung. Es ist einfacher, als darauf zu vertrauen, dass jemand anders sich darum kümmert.
»Ja«, hauche ich und sehe erneut zum Laptop. »Ich könnte nach mehr Stunden im Café fragen, dann können wir uns in einer anderen Preisklasse umsehen.«
»Du arbeitest bereits genug.«
Ich verziehe den Mund. »Offenbar sind sechzehn Stunden am Tag nicht ausreichend.« Kaum ist der Satz über meine Lippen gekommen, möchte ich ihn zurücknehmen. Nicht wegen Grandma. Eher wegen des Tons, der schärfer klingt als beabsichtigt.
»Ach, Lucy.«
Ich atme geräuschvoll aus. »Sorry.«
»Eine Entschuldigung ist nicht nötig.« Sie lehnt sich zurück und mustert mich liebevoll. »Aber vergiss nicht, dass du nicht alles allein tragen musst.«
Ich nicke, als hätte sie mich lediglich daran erinnert, Milch zu kaufen, und klicke weiter durch die Anzeigen. Ich ändere die Suchfilter und vergrößere den Umkreis, bis mir schließlich auch Angebote außerhalb von Winnipeg angezeigt werden. Vielleicht taucht dort eine bezahlbare, altersgerechte Wohnung auf. Mit vernünftiger Lage, genug Platz für zwei Personen und einem Vermieter, der keine Gehaltsnachweise von drei Generationen verlangt.
Ich wechsle von einer Seite zur nächsten und lande dabei auch bei Auktionen, Gewerbeobjekten, Zwangsversteigerungen und Grundstücken. Eigentlich völliger Unsinn. Ich weiß nicht einmal, warum ich dort gelandet bin. Womöglich hat mein Gehirn nach wochenlanger Wohnungssuche beschlossen, dass Logik überschätzt wird.
Als ich das Browserfenster schließen will, bleibt mein Blick an einem unscharfen Foto hängen, das wahrscheinlich im Herbst aufgenommen wurde. Eine Veranda, ein paar Stufen davor, seitlich eine Auffahrt, dahinter bunte Laubbäume. Die Farbe der Holzfassade ist teilweise abgeblättert und das Geländer schief. Die Fenster sind dunkel.
Nichts daran sieht besonders aus, doch ich halte inne und beuge mich vor, um das Haus näher betrachten zu können. Mein Herz schlägt mir nicht bis zum Hals. Es macht etwas Unangenehmeres: Es stolpert einmal heftig und zieht sich dann zusammen. Mein Finger schwebt über dem Touchpad. Irgendwo über uns knallt eine Tür zu, worauf ich zusammenzucke.
»Granny?« Meine Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern.
»Ja, Liebes?«
Ich antworte nicht sofort, sondern scrolle nach oben, um die Adresse zu suchen. Damit ich sicher bin, mich nicht verlesen zu haben, überprüfe ich sie zweimal. Nein, dreimal. Snowberry Ridge. Old Mill Road. Dann sehe ich mir das Foto erneut an. Die Veranda ist überdacht. Rechts und links neben der Haustür gibt es jeweils ein Sprossenfenster.
Und plötzlich weiß ich es. Nicht aufgrund der Straße oder der Hausnummer, sondern wegen der Art, wie die Holzdielen unter nackten Kinderfüßen im Flur knarren. Wegen des glatten, abgegriffenen Handlaufs der Treppe. Wegen der Fliesen im Badezimmer, die ich früher nur mit den Zehenspitzen berührt habe, weil sie immer kalt waren.
»I-ich glaube … Ich …« Meine Stimme versagt kurz. »Das ist es.«
»Was meinst du?«
Ich drehe ihr den Laptop zu.
Sie braucht nur einen flüchtigen Blick, um das Haus zu erkennen. Ihr Gesichtsausdruck verändert sich schlagartig, und ihre Augen schimmern feucht. Grandma nimmt die Brille ab und setzt sie gleich wieder auf, als müsste sie sichergehen, dass sie sich nicht verguckt hat. Dann hebt sie die Hand und legt die Finger an ihre Kette, dort, wo der Anhänger, den sie von Grandpa zum zehnten Hochzeitstag geschenkt bekommen hat, an ihrem Schlüsselbein ruht. »Oh … Das ist unser altes Haus.«
Auch ich schaue erneut zum Foto. Das Haus sieht kleiner aus, als es in meiner Erinnerung ist. Und älter. Die Holzverkleidung ist verwittert, die Fenster sind schmutzig, die Auffahrt ist durch den Wildwuchs kaum noch als solche zu erkennen. Trotzdem liegt unter diesem ersten Eindruck etwas, das ich sofort wiedererkenne. Nicht nur ein Gebäude, sondern ein Gefühl.
Der Schnee auf der Veranda, den Grandpa morgens in breiten, gleichmäßigen Bahnen weggeschoben hat. Das Wohnzimmerfenster mit beschlagener Scheibe, an das ich als Kind meine Handflächen gedrückt habe, bis die Kälte durch das Glas in meine Finger gekrochen war. Der Geruch nach Holz und Werkstatt, wenn Grandpa mit Sägespänen an den Stiefeln von der Arbeit im Sägewerk hereingekommen war. Grandmas Stimme, wenn sie uns aus der Küche gerufen hat, sobald die heiße Schokolade fertig war. Das Knistern des Kamins. Der weiche Teppich vor der Couch. Mein eigenes Lachen, das im Haus widerhallt.
Ich erinnere mich nicht an alles. Damals war ich ein Mädchen und vieles ist mit den Jahren unscharf geworden. Aber die Wärme ist geblieben. Vielleicht war Snowberry Ridge der letzte Ort, an dem ich mich wirklich sicher gefühlt habe, bevor Mom gestorben und unser Leben auseinandergebrochen ist.
Grandma und Grandpa hatten ihr Haus damals verkauft und waren nach Winnipeg gezogen, um sich um mich zu kümmern. So konnte ich wenigstens meine Schule, meine Freunde und meine vertraute Umgebung behalten. Sie hatten ihr bisheriges Leben zurückgelassen, ohne mir jemals das Gefühl zu geben, eine Last zu sein.
»Es steht zum Verkauf?«, fragt Grandma zaghaft.
»Zwangsversteigerung.« Ich scrolle herunter zu den Eckdaten. Grundstücksgröße. Wohnfläche. Baujahr. Der Zustand ist knapp beschrieben, also vermutlich schlechter als angegeben. Renovierungsbedürftig. Innenbesichtigung nicht möglich. Verkauf im gegenwärtigen Zustand. Keine Gewähr. Solche Formulierungen klingen immer harmlos und sind fast nie so gemeint. Zumindest soll es bewohnbar und möbliert sein.
»Es scheint seit einer Weile leerzustehen.« Grandma nimmt mir den Laptop aus der Hand und stellt ihn auf ihren Knien ab. Sie vergrößert das Foto, liest die Angaben und scrollt anschließend weiter zu den Bedingungen.
»Na ja, es ist auch schon fünfzehn Jahre her, seit ihr es verkauft habt. Bestimmt gibt es überall etwas zu tun.«
»Mit Sicherheit.«
»Wahrscheinlich ist das Dach hinüber.«
»Vielleicht auch nicht.«
»Ohne Innenbesichtigung kauft man praktisch die Katze im Sack.«
»Deshalb prüfen wir zumindest alles, was sich vorher klären lässt, Liebes.«
Ich sehe sie von der Seite an. »Du klingst bereits so, als würdest du einziehen wollen.«
Grandma antwortet nicht sofort. Ihr Daumen streicht über den Rand des Touchpads, während sie das Foto betrachtet. »Es war ein gutes Haus«, sagt sie schließlich. »Und wir waren dort glücklich.« Die Worte sind leise, aber nicht wehmütig. Eher, als würde sie etwas feststellen, das sich auch nach fünfzehn Jahren nicht geändert hat.
Ich lehne mich zu ihr herüber und lese weiter. »Die Versteigerung endet am Freitag um sechzehn Uhr. Aktuell liegt das höchste Gebot bei zweiundfünfzigtausend Dollar.« Für ein Haus ist die Summe lächerlich gering. Für mich ist sie trotzdem so unerreichbar, dass ich beinahe über die Zahl lachen möchte. »Für wie viel habt ihr es damals verkauft?«, frage ich.
»Hundertachtzehntausend.«
Ich schnappe überrascht nach Luft. »Fast doppelt so viel?«
»Damals war es gepflegt und bewohnt. Nun steht es offenbar schon länger leer, braucht einige Reparaturen und wird zwangsversteigert. Das drückt den Preis.«
Einige Reparaturen klingt nach einer sehr optimistischen Umschreibung für das, was auf dem Foto zu erkennen ist. Aber nun gut, ich bin kein Handwerker und kann den Aufwand schwer einschätzen.
Ich überfliege die weiteren Angaben. Die vollständige Zahlung muss innerhalb von zehn Werktagen nach dem Zuschlag nachgewiesen werden. Eine Übergabe ist frühestens zwei Wochen nach dem Ende der Versteigerung möglich. Der genaue Termin wird vereinbart, sobald alle Formalitäten abgeschlossen sind.
»Wenn alles glatt läuft, könnten wir trotzdem rechtzeitig aus der Wohnung«, stelle ich fest und merke, wie der Gedanke in meinem Kopf langsam Form annimmt.
Grandma zieht das unvollendete Kreuzworträtsel unter dem Laptop hervor, dreht das Blatt um und nimmt den Kugelschreiber zur Hand. Untereinander notiert sie Versteigerungsbedingungen, Übergabetermin, Gebühren, Versicherung, Umzug, Reparaturen und Finanzierung.
»Granny?«
»Hm?«
»Es geht hier nicht um die Anschaffung eines neuen Toasters.«
»Das ist mir bewusst.«
»Du wirkst aber erschreckend begeistert.«
»Ich war fünfzehn Jahre lang vernünftig. Heute darf ich mich für ein paar Minuten unvernünftig verhalten, oder?«
Ich kann nicht verhindern, dass sich meine Mundwinkel heben. »Na schön. Ein paar Minuten.« Dann betrachte ich erneut die Anzeige. »Trotzdem können wir nicht nur den Kaufpreis berücksichtigen. Das Haus liegt zwei Autofahrstunden östlich von Winnipeg. Ich müsste meine Jobs aufgeben und dort neue Arbeit finden. Du brauchst einen neuen Arzt.«
»Dr. Patel kann meine Unterlagen weiterleiten. Und mein Knie wird nicht schlimmer, nur weil wir aus der Stadt ziehen.«
»Das hoffe ich.«
»Was deine Arbeit betrifft, finden wir ebenfalls eine Lösung. Im Zentrum von Snowberry Ridge gibt es einige Geschäfte.«
»Zuerst müssen wir ohnehin klären, ob wir es uns leisten können«, sage ich und öffne meine Banking-App. »Auf meinem Konto liegen fünftausenddreihundert Dollar.« Es ist nicht viel. Trotzdem erfüllt mich die Zahl mit einem kleinen Funken Stolz. Dafür habe ich unzählige Wochenend-, Nacht- und Doppelschichten gearbeitet.
Grandma notiert den Betrag. »Auf meinem Konto liegen neuntausendzweihundert«, erklärt sie, ohne nachsehen zu müssen. Das ist unser Notgroschen für unerwartete Ausgaben.
Wir waren nie wohlhabend, mussten aber auch nicht am sprichwörtlichen Hungertuch nagen. Die Rechnungen werden bezahlt, der Kühlschrank ist gefüllt, und wenn etwas kaputtgegangen ist, haben wir eine Lösung gefunden. Dass ich mehrere Jobs angenommen und mich an den laufenden Kosten beteiligt habe, ist für mich selbstverständlich. Ich bin erwachsen und wohne mit meiner Grandma zusammen. Natürlich trage ich meinen Teil bei.
Ich addiere die Beträge. »Insgesamt sind das vierzehntausendfünfhundert Dollar.«
»Davon gehen noch Gebühren, Versicherung und der Umzug ab«, gibt Grandma zu bedenken.
»Und wir brauchen eine Reserve für Reparaturen.« Ich betrachte das Foto und vergrößere die verwitterte Fassade. »Keine Ahnung, wie viel. Mindestens achttausend Dollar, oder?« Vermutlich reicht das nicht einmal, aber wir können nicht unser gesamtes Geld in den Kauf stecken und darauf hoffen, dass nichts Dringendes anfällt.
Grandma schreibt die Summe hinter Reparaturen. »Wie viel sollten wir für den Rest einplanen?«
Ich ziehe den Laptop zu mir, sehe mir die weiteren Angaben an und überschlage die Beträge. Genau lässt sich das noch nicht sagen. Dafür fehlen Informationen zur Versicherung, den Gebühren und den Kosten des Umzugs. Außerdem werden wir wahrscheinlich einige Dinge anschaffen müssen, bevor das Haus wieder halbwegs bewohnbar ist.
»Ungefähr sechstausendfünfhundert«, sage ich schließlich. »Für alles, was bis zur Ankunft anfällt. Lieber zu viel als zu wenig.«
Damit sind unsere gesamten Ersparnisse bereits verplant. Achttausend für Reparaturen. Sechstausendfünfhundert für Gebühren, Versicherung, Umzug und erste Anschaffungen. Und noch kein einziger Dollar für das Haus selbst.
»Das war eine kurze Rechnung«, murmle ich. »Wir können es uns nicht leisten.«
»Noch sind wir nicht fertig.«
Fragend sehe ich Grandma an. »Hast du Geldscheine unter der Matratze versteckt?«
»Nein. Das Versteck wäre zu offensichtlich.« Sie legt den Kugelschreiber beiseite und richtet ihre Brille. »Ich habe dafür ein Anlagekonto.«
»Was für ein Anlagekonto?«
»Nach dem Verkauf des Hauses haben dein Grandpa und ich einen größeren Teil des Geldes beiseitegelegt. Für den Fall, dass wir im Alter Pflege brauchen. Wir haben es all die Jahre nicht angerührt.«
»Wirklich? Wie viel liegt darauf?«
Sie wiegt den Kopf hin und her. »Knapp zweiundsiebzigtausend Dollar. Den genauen Stand muss ich in den Unterlagen nachsehen.«
Für einige Sekunden bin ich nicht in der Lage, etwas zu sagen. Die Summe klingt in unserem kleinen Wohnzimmer vollkommen unwirklich. Mein Blick fällt auf Grandmas Gehstock, der neben der Couch lehnt. »Aber das Geld ist für eure Pflege gedacht.«
»Richtig.«
»Dann können wir es doch nicht einfach für ein Haus ausgeben.«
»Einfach nicht«, stimmt sie mir zu. »Deshalb prüfen wir vorher alles.« Sie nimmt den Laptop wieder zu sich und betrachtet das Foto. »Wenn wir die Rücklage für Miete und laufende Rechnungen brauchen würden, wäre das Geld irgendwann aufgebraucht. Bei einem Haus sieht es anders aus. Es wäre unser Eigentum. Wir sparen die Miete, und falls ich eines Tages Pflege benötige, bleibt die Immobilie als Absicherung.«
Das klingt vernünftig. Erschreckend vernünftig, wenn man bedenkt, dass wir vor wenigen Minuten noch über einen Herd neben einem Kleiderschrank gesprochen haben.
»Kannst du das Anlagekonto überhaupt so kurzfristig auflösen?«
»Das muss ich erst klären. Vermutlich geht das innerhalb weniger Werktage. Aber wir geben kein Gebot ab, bevor ich eine Bestätigung habe.«
Dass sie nicht so tut, als wäre bereits alles entschieden, beruhigt mich. »Bist du wirklich sicher, dass du die Rücklage dafür einsetzen möchtest?«
»Ich denke schon. Aber zuerst finden wir heraus, welche Gebühren anfallen und was wir noch berücksichtigen müssen.«
Vielleicht habe ich mich geirrt, als ich glaubte, das Problem allein lösen zu müssen. Grandma braucht einen Gehstock und manchmal meine Unterstützung, aber das bedeutet nicht, dass sie keine Entscheidungen treffen oder Verantwortung übernehmen kann. Vermutlich habe ich mich so sehr daran gewöhnt, mich um alles zu kümmern, dass ich ihr kaum noch die Gelegenheit gebe, es ebenfalls zu tun.
»Ich rufe gleich bei den zuständigen Stellen an«, fährt sie fort und setzt kleine Striche hinter die Punkte auf ihrer Aufstellung.
»Da hast du heute viel auf dem Plan.«
»Wir haben nur bis Freitag Zeit.«
Ich schnaube leise. »Du bist Furcht einflößend, wenn du motiviert bist.«
»Dein Grandpa hat immer behauptet, genau das an mir zu lieben.« Für einen Moment wird ihr Lächeln wehmütig. Dann richtet sie den Blick wieder auf ihre Notizen.
Ich öffne den Taschenrechner und trage die Zahlen ein. Das Anlagekonto mit knapp zweiundsiebzigtausend Dollar könnte den Kauf abdecken. Unsere normalen Ersparnisse blieben für die zusätzlichen Kosten und die ersten Reparaturen vorgesehen. Trotzdem dürfen wir die gesamte Rücklage nicht ausgeben. Falls das Haus teurer wird als erhofft, müssen wir aussteigen.
»Neunundsechzigtausend«, sage ich nach einer Weile. »Keinen Dollar mehr.« Ausführlich erkläre ich Grandma meine Rechnung, und sie schreibt die Beträge auf. »Sobald wir wissen, ob wir rechtzeitig an das Geld vom Anlagekonto herankommen, und alle anderen Angelegenheiten geklärt sind, können wir überlegen, ob wir ein Gebot abgeben.«
»Ganz deiner Meinung.«
Ich lege die Hände an meine Wangen. »Es zu kaufen, wäre verrückt.«
»Manchmal muss man im Leben Risiken eingehen.« Grandma lächelt mich breit an. »Wir prüfen gründlich, ob es eine echte Möglichkeit wäre.«
Eine Möglichkeit. Ein eigenes Haus. Kein Kündigungsschreiben, das von einem Tag auf den anderen alles infrage stellt. Kein Bangen vor der nächsten Mieterhöhung. Kein Vermieter, der zwanzig Gehaltsnachweise verlangt und sich trotzdem für jemand anderen entscheidet.
»Lucy … Ich möchte nicht, dass du dein ganzes Leben in Übergangslösungen verbringst. Immer nur von Monat zu Monat. Von Schicht zu Schicht. Von Rechnung zu Rechnung. Du hast in den letzten Jahren viel Verantwortung übernommen. Es wird Zeit, dass du auch an dich denkst. Ohne Miete könntest du weniger arbeiten und herausfinden, was du wirklich möchtest.«
Übergangslösungen? Genau das hatten meine Jobs während und nach der Highschool sein sollen. Erst einmal Geld verdienen und nebenbei herausfinden, welcher Beruf zu mir passt. Grandma und Grandpa hatten mir angeboten, eine Ausbildung oder sogar den Besuch eines Colleges zu finanzieren. Während andere längst wussten, welchen Abschluss sie brauchten und welchen Beruf sie später ausüben wollten, hatte ich nicht einmal eine ungefähre Richtung vor Augen.
Noch jahrelang in Unterrichtsräumen zu sitzen, ohne zu wissen, wofür, ist mir sinnlos vorgekommen. Also hatte ich ihr Angebot abgelehnt und behauptet, ich würde meinen Weg auch so finden. Nur hatte sich das Leben nicht an diesen Plan gehalten. Aus ein paar Monaten sind Jahre geworden, aus einem Aushilfsjob der nächste. Rechnungen mussten bezahlt, Schichten übernommen und unser Alltag organisiert werden. Irgendwann habe ich aufgehört, mich zu fragen, was ich selbst möchte.
Anfangen zu leben? Das klingt schön. Und erschreckend fremd. Ich weiß, wie man arbeitet, rechnet und dafür sorgt, dass am Monatsende alles bezahlt ist. Aber was würde ich tun, wenn ich nicht ständig Geld verdienen müsste? Was könnte mir so viel bedeuten, dass es sich nicht bloß nach einem weiteren Job anfühlt?
Ich habe keine Ahnung.
Der Gedanke, dass ein Haus diese Frage beantworten könnte, ist natürlich Unsinn. Es würde unsere Probleme nicht auf magische Weise lösen. Im Gegenteil. Vermutlich würde es uns direkt einen ganzen Haufen neuer bescheren. Aber vielleicht gäbe es mir die Chance, irgendwann eine Antwort zu finden.
Ich schaue zum Fenster. Draußen ist es trist und bewölkt. Der Schnee am Straßenrand ist nicht mehr dieses hübsche, saubere Weiß, das auf Weihnachtskarten funktioniert, sondern ein matschiges Stadtwintergrau, das nur noch von Stiefeln und Reifen geformt wird. Das Brummen des Kühlschranks kommt mir unnatürlich laut vor. Durch die undichten Fenster zieht es hinein.
Unsere Wohnung ist nicht groß, aber in den letzten Wochen wirkt sie kleiner. Als hätte die Kündigung wegen umfassender Sanierungsarbeiten die Wände ein Stück näher zusammengerückt. Neben dem Esstisch stehen bereits zwei Umzugskartons und eine blaue Tasche mit Kleidung, die Grandma aussortiert hat. Auf der Kommode im Flur liegen Unterlagen, Stifte und eine Mappe mit Besichtigungsnotizen, die ich gestern noch motiviert angelegt habe.
»Und wenn wir es nicht bekommen?«, frage ich.
»Dann haben wir es zumindest versucht.«
»Und falls wir die Höchstbietenden sind?«
»Dann besorgen wir uns sehr gute Winterstiefel.«
»Wir können kein Haus kaufen, nur weil wir keine geeignete Wohnung finden«, gebe ich zu bedenken.
»Das stimmt.«
»Und wir können es auch nicht kaufen, nur weil du es vermisst.«
Grandma nickt langsam. »Natürlich nicht.« Sie legt ihre Hand auf meine, und erst jetzt wird mir bewusst, dass meine Finger den Saum meines Pullovers kneten. Ihre Haut ist in den letzten Jahren dünner geworden, die Adern deutlicher. Trotzdem umfasst sie meine Hand mit derselben ruhigen Kraft, die ich von ihr kenne, seit ich denken kann.
Das sind die Hände, die mir Zöpfe geflochten, Fieber gemessen, Brotdosen gepackt und Formulare unterschrieben haben, als mein Dad irgendwo war, nur nicht bei mir. Grandma und Grandpa waren die Menschen, die geblieben sind und mich getröstet haben, wenn ich nachts nach Mom gerufen habe.
Mein Blick wandert vom Foto des Hauses zum Kündigungsbrief neben mir. Vergangenheit und Gegenwart verbinden sich mit dem, was uns genommen wird und was vielleicht noch erreichbar ist, wenn wir mutig oder dumm genug sind. Oder beides.
Ein gefährlicher Gedanke nimmt in mir Gestalt an. Was wäre, wenn es keine Wohnung sein muss? Wenn wir in das alte Zuhause meiner Großeltern zurückkehren? Wenn dieses Haus keine verrückte Idee ist, sondern die einzige Möglichkeit, die sich nicht wie ein weiterer Verlust anfühlt?
Fast höre ich Grandpa wieder, so wie damals, als er mir das Schnitzen von Holzfiguren beigebracht hat.
Dinge müssen nicht perfekt anfangen. Wichtig ist das Ergebnis.
Erneut sehe ich auf die aufgeschriebenen Beträge und denke an all die Kosten, die wir bisher nur schätzen können. Und ein Haus, das auf einem unscharfen Foto deutlich harmloser wirken könnte, als es tatsächlich ist.
»Wir prüfen alles«, sage ich.
Grandmas Augen strahlen mich an. »Alles.«
»Und keine überstürzte Entscheidung.«
Sie schüttelt energisch den Kopf. »Auf keinen Fall. Wir bleiben vernünftig.«
»Auch kein Gebot ohne mich.«
Feierlich hebt sie die Hand. »Versprochen.«
Ich schiele zur Uhr und fluche leise. »Meine Schicht fängt gleich an.«
»Dann zieh dich um.«
»Und du?«
Grandma greift nach ihrem Handy, legt ihre Notizen neben sich und rückt den Laptop zurecht. Auf einmal wirkt sie nicht mehr wie die müde Frau, die vor wenigen Minuten mit ihrem Gehstock aus dem Badezimmer gekommen ist. Ihre Augen sind wach, ihre Haltung aufrecht und ihre Finger schweben über den Tasten. »Ich rufe zuerst bei der Versteigerungsstelle an. Danach sehe ich weiter.«
Ich nehme meine Kaffeetasse und gehe zwei Schritte in Richtung Flur. Dann bleibe ich stehen und blicke zurück. Grandma hat bereits die Nummer gewählt. Während sie wartet, betrachtet sie das Foto des Hauses. Ihre Finger liegen auf dem Anhänger an ihrer Kette, doch in ihrem Gesicht sehe ich nicht nur Wehmut. Das ist Entschlossenheit. »Granny?«
Sie sieht zu mir.
»Nur damit das klar ist: Falls wir das wirklich tun, bekomme ich das größere Schlafzimmer.«
Ein breites Lächeln erhellt ihr Gesicht. »Etwas anderes wäre mir nie im Traum eingefallen.«
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