Süße Winterküsse in Alaska

Erscheinungstermin: 27. Oktober 2022

Als E-Book (auch über Kindle Unlimited ausleihbar) und Taschenbuch bei Amazon erhältlich.

Umfang: 204 Taschenbuchseiten

ISBN-13 : 979-8-3581-6333-1

In ihrer Heimat erwartet Heather nichts als Probleme. Aber was, wenn es ausgerechnet dort auch die ganz großen Gefühle gibt?

Nach einem heftigen Familienstreit ist die junge Konditorin nach Seattle geflüchtet, in der Hoffnung, sich dort ihren Traum von einer eigenen Bäckerei zu erfüllen. Jahrelang hat sie nicht mit ihren Eltern gesprochen. Erst als ihre hochschwangere Schwester Hilfe mit dem familieneigenen B&B benötigt, kehrt Heather in die Kleinstadt zurück.
Die Konflikte von damals sind allerdings nicht verschwunden. Zum Glück ist da Scott, ihr Sandkastenfreund, der sie unterstützt und ihr hilft, den Zauber der Weihnachtszeit neu zu erleben. Doch gerade als sie beschließen, den nächsten Schritt zu wagen, eröffnet sich für Heather eine einmalige Möglichkeit – in Seattle.
Sie muss sich entscheiden: Soll sie für einen Weihnachtsflirt ihre Zukunft aufs Spiel setzen? Oder ist da vielleicht noch mehr?

Dieser romantische Liebesroman ist wie ein Becher heiße Schokolade mit Sahne – er darf zur Weihnachtszeit einfach nicht fehlen. Genau das Richtige für alle Weihnachtsfans und die, die noch in weihnachtliche Stimmung kommen wollen. Klicke auf „Jetzt kaufen“, um mit Heather und Scott durch das verschneite Alaska zu wandeln und dabei den Duft von Zimtschnecken und Tannengrün in der Nase zu haben.

Leseprobe

Heather

Mit wild pochendem Herzen und weichen Beinen gehe ich durch den weihnachtlich geschmückten Flughafen von Fairbanks zur Gepäckausgabe. »Last Christmas« von Wham! schallt aus den Lautsprechern und übertönt das Stimmengewirr um mich herum.
Meine Nerven liegen nach dem vierstündigen Flug blank. Diese panische Angst, die mich in diesen Maschinen erfasst, ist einer der Gründe, warum ich seit zehn Jahren nicht mehr in der Heimat war. Nur wegen der anstehenden Geburt meiner Nichte habe ich mich von Victoria breitschlagen lassen, herzukommen.
Ich erreiche das Gepäckband und recke den Hals. Als mein Schalenkoffer erscheint, zerre ich ihn herunter und gehe zum Ausgang, in der Hoffnung, dort auf meine Schwester zu treffen.
Eisige Luft schlägt mir entgegen und lässt meine Wangen prickeln. In Seattle war es heute Morgen frisch, doch hier ist es mindestens zwanzig Grad kälter. Obwohl ich in Alaska aufgewachsen bin und mich an die Temperaturen im Winter gewöhnt hatte, klappern nun meine Zähne und Atemwölkchen umgeben mich.
Ich schließe den Steppmantel, setze meine Wollmütze auf und lasse den Blick über den Parkplatz gleiten. Der Schnee reflektiert die Sonnenstrahlen, sodass ich die Augen zusammenkneifen muss.
Die meisten Fahrzeuge sind zugeschneit. In der Ferne ragen die weißen, von Nadelbäumen umgebenen Berge in die Höhe. Doch von meiner Schwester fehlt jede Spur.
Na super!
Ob sie vergessen hat, dass ich heute ankomme? Diese Schwangerschaftsdemenz ist immerhin nicht umsonst berüchtigt für die Vergesslichkeit werdender Mütter. Kopfschüttelnd ziehe ich mein Handy aus der Handtasche und deaktiviere den Flugzeugmodus.
Meine Finger sind bereits durch die Kälte taub, bis ich Empfang habe. Es erscheinen einige Nachrichten von meinen Freundinnen, die sich erkundigen, ob ich gut angekommen bin.
Aber keine von Victoria.
Wusste ich es!
»Heather?«, ruft eine tiefe Männerstimme meinen Namen.
Verwundert sehe ich vom Display auf und bemerke einen Kerl, der mit strammen Schritten auf mich zukommt. Wer ist das? Meint er mich? Ich schaue über die Schulter, aber hinter mir ist niemand.
»Hey! Entschuldige die Verspätung«, sagt der Fremde und greift ohne Umschweife nach meinem Koffer.
Dabei begegnen sich unsere Blicke. Karamellbraune Augen strahlen mich an, die unter einer Strickmütze hervorblitzen. Ein flüchtiges Lächeln huscht über seine schmalen Lippen, das durch den zotteligen Bart kaum sichtbar ist.
Doch dann wird sein Gesichtsausdruck schlagartig ernst und ehe ich einen klaren Gedanken fassen kann, dreht er sich um und geht.
Mit meinem Koffer im Schlepptau!
»Stopp!«
Ich presse meine Handtasche an die Brust und renne dem Kerl über den festgetretenen Schnee hinterher. In diesem Moment bin ich dankbar, meine profilierten Stiefel zu tragen, sonst würde ich sicher Bekanntschaft mit dem Boden machen.
Plötzlich hält der Kofferentführer an und dreht sich um. Erschrocken bremse ich mich in der Bewegung, schlittere ein Stück über das Glatteis unter meinen Füßen und rudere wild mit den Armen, um das Gleichgewicht zu halten.
»Victoria hat dir nicht gesagt, dass ich dich abhole, oder?«
Erst als ich sicher auf beiden Beinen stehe, nicke ich mit offenem Mund.
Der Mann gibt einen brummenden Laut von sich und marschiert weiter. Ich blinzle perplex und sehe ihm nach. Was läuft hier? Wer ist das?
Als er an einem dunkelblauen Pick-up ankommt und meinen Koffer auf die Ladefläche wuchtet, löse ich mich aus der Starre und eile dem Fremden hinterher. Ohne ein Wort steigt er ein und startet den Motor.
Einen Moment zögere ich, bevor ich auf dem Beifahrersitz Platz nehme. Ich habe schon zu viele Horrorfilme und alle Folgen von »Criminal Minds« gesehen.
Aber da er meine Schwester kennt und wusste, dass ich heute abgeholt werden soll, gehe ich davon aus, gerade nicht bei einem Serienmörder ins Auto gestiegen zu sein.
Außerdem sieht dieser Mann viel zu gut aus – wenn auch etwas verwildert –, um ein Killer zu sein.
Oder?
Aus dem Augenwinkel betrachte ich sein Profil, während er geschickt den Wagen vom spiegelglatten Parkplatz lenkt. Er hat die Mütze abgenommen und nun kommen verwuschelte, haselnussfarbene Haare zum Vorschein, die dringend gekürzt werden müssen.
Er wendet mir ruckartig den Kopf zu und ertappt mich dabei, wie ich ihn anstarre. Vor Schreck zucke ich zusammen, schaue aus der Frontscheibe und reibe meine eiskalten Hände aneinander.
Wir verlassen das Flughafengelände in Richtung Fairbanks. Die Straße ist geräumt, aber ringsherum türmen sich die Schneehaufen auf, die im Sonnenlicht glitzern. Uns kommen nur wenige Fahrzeuge entgegen, während wir auf dem Highway nach North Pole, Alaska fahren.
»Wie war der Flug, Heather?«
Als er meinen Namen ausspricht, bekomme ich eine wohlige Gänsehaut. Ich wusste nicht, dass man ihn so erotisch klingen lassen kann, aber dieser Mann hat es echt drauf. Langsam drehe ich den Kopf und betrachte den Fremden erneut, während er sich auf die Straße konzentriert.
»Nicht so toll.«
»Immer noch Flugangst?«
Ich runzle die Stirn. »Woher –« Das Klingeln meines Handys unterbricht mich. Eine Entschuldigung murmelnd nehme ich den Anruf entgegen.
»Seid ihr auf dem Weg?«, fragt Victoria am anderen Ende der Leitung.
Erleichterung durchflutet mich. Puh! Also ist der Mann definitiv kein Serienmörder.
»Ja.«
»Sehr gut. Dann bin ich beruhigt. Ich habe schlimme Rückenschmerzen und wollte nicht mit dem Auto fahren. Es ist schön, wenn man sich auf die Nachbarn verlassen kann. Ich kann mir bildlich vorstellen, wie du geguckt hast, als ihr euch wiedergesehen habt.«
Alles in mir schreit danach, sie zu fragen, neben wem ich sitze. Offenbar kenne ich meinen Fahrer. Nur woher?
Durch seinen Bart kann ich schlecht sein Alter schätzen. Ich glaube kaum, dass wir zusammen zur Schule gegangen sind. Schluss jetzt mit der Grübelei! Das wird mir Victoria erklären, wenn ich angekommen bin.
»Hm«, mache ich ausweichend.
»Ich habe uns für heute Abend einen Tisch in meinem Lieblingsrestaurant reserviert.« Sie macht eine verdächtig lange Pause. Das kann nichts Gutes bedeuten. »Mom und Dad kommen auch.«
Ihre Worte sickern nur langsam in meinen Verstand, aber als sie dann einen Sinn ergeben, spanne ich all meine Muskeln im Körper an. Ich öffne den Mantel, weil mir mit einem Schlag unerträglich warm ist. Die Vorstellung, meine Eltern nach zehn Jahren wiederzusehen, verursacht mir Übelkeit.
»O nein, Victoria! Was soll das? Sie hassen mich!«
»Es wird Zeit, dass ihr euch aussprecht.«
Damals bin ich vor ihnen geflüchtet und ich bin froh, diesen Schritt gegangen zu sein. In ihren Augen bin ich eine Enttäuschung und das wird sich auch nach all der Zeit nicht geändert haben.
Ganz gleich, wie viel ich erreicht habe. Sie haben nie verstanden, warum ich ihr Bed and Breakfast nicht übernehmen will. Dabei habe ich völlig andere Träume! Doch das war ihnen egal. Es ging immer nur um sie und ihr Geschäft.
»Das halte ich für keine gute Idee. Ich bin schließlich für die nächsten drei Wochen hier, um dich zu besuchen und meine Nichte kennenzulernen«, versuche ich, sie von diesem Plan abzubringen.
»Gib ihnen eine Chance. Bitte, Heddie.«
Ich sehe meine kleine Schwester bildlich vor mir, wie sie einen Schmollmund macht und mit den Wimpern klimpert. Doch damit konnte sie immer nur Mom und Dad erweichen. Bei mir funktioniert das nach wie vor nicht.
»Wir reden später«, sage ich und beende das Gespräch, bevor sie etwas erwidern kann.
Kopfschüttelnd sehe ich aus dem Fenster und ärgere mich über Victoria. Sie wusste genau, warum sie mir erst jetzt von der Reservierung erzählt hat. Sonst wäre ich gar nicht in dieses gottverdammte Flugzeug gestiegen.
»Alles okay?«, fragt Mister Unbekannt.
Ich zucke erneut zusammen, da ich meinen Fahrer völlig vergessen habe, und sehe flüchtig zu ihm. »Familienprobleme.«
»Dachte ich mir schon. Deine Eltern haben keine Ahnung, dass du hier bist.«
»Was? Woher willst du das wissen?«
»Weißt du denn nicht, dass ich für sie arbeite?«
»Nein. Wie auch? Sie reden nicht mehr mit mir.«
»Dein Dad hat mich vor zwei Jahren eingestellt.«
»Und was machst du? Betten beziehen? Frühstück zubereiten?«
Er lacht schallend und scheint sich köstlich über meine Unwissenheit zu amüsieren. »Nicht doch! Das macht deine Schwester. Ich biete Stadtführungen, Wandertouren und Skikurse für die Touristen an. Im Sommer auch Kanufahrten. Hin und wieder helfe ich im Bluebell, wenn Reparaturen anstehen.«
Ich knete meine Hände, die auf meinem Schoß ruhen. Nur langsam werden sie wärmer. »Ach so.«
»Und was machst du in Seattle?«
»Weißt du das denn nicht?«, ziehe ich ihn auf.
»Niemand in deiner Familie spricht über dich.« Er wirft mir einen mitfühlenden Blick zu.
Seine Antwort versetzt mir einen Stich ins Herz. Haben mich meine Eltern komplett aus ihrem Leben gestrichen und tun so, als würde ich nicht mehr existieren? Aber wenn man es so betrachtet, habe ich mich in dieser Familie schon immer fremd gefühlt.
»Ich habe mir meinen Traum erfüllt und arbeite als Konditorin in einem angesagten Café in der Innenstadt.«
Er sieht mich mit großen Augen an. »Das ist dein Traum? Du … bäckst
Wie ich diese Reaktion hasse! Es ist ein Job wie jeder andere. Und weil ich ihn sehr liebe, fühlt es sich für mich nicht wie Arbeit an. Es ist eher wie eine Berufung.
Doch das verstehen die wenigsten Leute. Nur meine Freundinnen Katheryne und Leilah, weil wir im gleichen Team sind und gemeinsam die tollsten Ideen verwirklichen.
»Ja! Cupcakes, Muffins, Torten, Kekse und vieles mehr. Die Kunden lieben meine Kreationen. Wir gewinnen regelmäßig Preise damit.«
»Also führst du einen eigenen Laden?«
»Noch nicht.« Ich verschränke die Arme vor der Brust, da er einen wunden Punkt getroffen hat. »Die Mieten sind utopisch«, erkläre ich knapp.
»Und warum bist du dann nicht in North Pole geblieben? Hier kannst du auch backen und es verkaufen.«
Ich schenke ihm ein freundliches Lächeln. Woher soll er es wissen? Schließlich hatte ich die Möglichkeit, bei den Besten das Handwerk zu erlernen, und werde hoffentlich bald den Sprung in die Selbstständigkeit schaffen – in einer Stadt, in der meine Kunstwerke geschätzt werden.
»Selbst wenn ich versuchen möchte, dir das zu erklären, würdest du es eh nicht verstehen.«
Er zuckt gleichgültig mit den Schultern. »Wie du meinst. Ich war nur neugierig, was du so treibst. Aber anscheinend bist du nicht in Redelaune.«
»Gut erkannt«, sage ich etwas zu ruppig.
Normalerweise bin ich ein freundlicher Mensch und mir würde meine Reaktion auch leidtun, doch momentan bin ich kurz vor dem Durchdrehen. Erst der grauenhafte Flug, dann die Hiobsbotschaft mit dem Restaurantbesuch und nun der Fremde, der mich mit Fragen löchert.
Kann der Tag schlimmer werden?
Die restlichen zwanzig Minuten Fahrzeit verbringen wir schweigend. In der Zwischenzeit checke ich die Nachrichten auf dem Handy und antworte meinen Freundinnen.
Als wir das Ortseingangsschild von North Pole erreichen, schaue ich vom Display auf. In den Fenstern der bunten Holzhäuser steht wie immer funkelnde Weihnachtsdekoration. Die Tannen sind mit Lichterketten und Baumschmuck verziert.
Als Kind habe ich diese Zeit geliebt, weil es dann überall nach Zimt, Apfel und Tannengrün duftet. Nun sträubt sich alles in mir, hier zu sein.
Mister Unbekannt parkt seinen Wagen auf der Einfahrt neben meinem Elternhaus, in dem nun meine Schwester mit ihrem Verlobten Christopher lebt. Als Victoria meinte, mein Fahrer wäre ein Nachbar, dachte ich nicht, dass er direkt neben ihr wohnt. Aber in einem Kaff mit etwas über zweitausend Einwohnern bezeichnet jeder jeden als Nachbar.
»Danke fürs Abholen«, murmle ich.
Bevor der Fremde den Motor ausgeschalten hat, springe ich aus dem Pick-up und eile zur Ladefläche, um meinen Koffer zu holen. Ich umfasse den Griff mit beiden Händen und ziehe daran, doch er ist so schwer, dass ich ihn nicht über die Umrandung wuchten kann.
Trotzdem gebe ich nicht auf und nehme einen zweiten Anlauf. Aber es klappt nicht. Verdammt!
Mister Unbekannt schiebt mich überraschend zur Seite und hebt den Koffer mit beiden Armen hoch, als würde er nichts wiegen.
Er tritt hinter mich und stellt mein Gepäck neben sich ab. »Bitte.«
Langsam drehe ich mich um. Der Nachbar steht so dicht vor mir, dass ich seinen Atem im Gesicht spüre, der direkt vor seinen Lippen kondensiert. Erst jetzt, wo er mir so nah ist, merke ich, dass ihn der Geruch von Zimt, Vanille und Orange umgibt. Erneut betrachte ich seine wunderschönen Augen. Trotzdem kann ich mir nicht erklären, woher wir uns kennen.
»Danke.«
»Tut mir leid, wenn ich dich vorhin mit meiner Fragerei genervt habe.« Er lächelt schief, sodass kleine Lachfältchen um seine Augen entstehen, und bringt damit mein Herz zum Vibrieren. »Ich war wirklich nur neugierig.«
Nun bereue ich es, ihn angemault zu haben. Das ist überhaupt nicht meine Art. »Nein. Wenn sich jemand entschuldigen muss, dann bin ich das. Schließlich bin ich schlecht drauf. Es war wohl keine gute Idee, herzukommen.«
»Verstehe.« Er stützt sich mit einer Hand an der Ladefläche neben mir ab und kommt mir dadurch noch näher. »Wenn du etwas Frust loswerden willst, weißt du, wo du mich findest«, flüstert er mit einem anzüglichen Grinsen und deutet mit einer Kopfbewegung zu seinem Haus.
So wie er das sagt, klingt es nicht wie eine Einladung zu einem Gespräch bei Kaffee und Kuchen. Wie dreist ist das denn bitte? Dabei kenne ich ihn nicht!
Ich versuche, ihm auszuweichen, doch ich spüre bereits die Umrandung des Pick-ups an meinem Rücken. Was bildet sich der Kerl ein? Er scheint sich seiner Sache sicher zu sein. Aber nicht mit mir!
Verführerisch lächelnd stelle ich mich auf die Zehenspitzen, beuge mich vor und raune ihm ins Ohr: »Träum weiter.« Das müsste ihm den Wind aus den Segeln nehmen.
Er zieht scharf die Luft ein und tritt einen Schritt zurück. Punktlandung! Mit dieser Antwort scheint er nicht gerechnet zu haben. Sein zerknirschtes Gesicht spricht Bände. Ob er mit dieser blöden Anmache bei Frauen Erfolg hat? Ich glaube es kaum.
»Heather!«
Meine Schwester steht in der Haustür meines Elternhauses. Die Hände in den Rücken gestemmt, das Gesicht gerötet. Doch meine Aufmerksamkeit erregt eher ihr riesiger Schwangerschaftsbauch. Bekommt sie Zwillinge und hat vergessen, dieses Detail zu erwähnen?
Ich schiebe mein Gegenüber beiseite, schnappe mir den Koffer und zerre ihn durch den Schnee zu Victoria. Da wir uns ein Jahrzehnt nicht mehr gesehen haben, werden meine Schritte immer langsamer, je näher ich ihr komme. Drei Meter, bevor ich sie erreicht habe, bleibe ich stehen und räuspere mich.
»Da bin ich.«
Ihre Unterlippe bebt und ehe ich mich versehe, breitet sie die Arme aus, watschelt wie eine Ente auf mich zu und drückt mich an sich.
»Ich kann nicht glauben, dass du endlich hier bist.« Sie schluchzt herzzerreißend und verursacht mir damit ein schlechtes Gewissen. »Danke, Heddie.«
»Na ja, du hast mich sechs Monate lang bequatscht, bis ich zugestimmt habe. Mir blieb nichts anderes übrig«, scherze ich, um die Situation aufzulockern.
Trotzdem fühlt es sich eigenartig an, nach all der Zeit wieder in der Heimat zu sein. Die Distanz, die sich zwischen meiner jüngeren Schwester und mir aufgebaut hat, ist beinahe spürbar.
Dabei standen wir uns damals sehr nahe und haben uns jedes Geheimnis anvertraut. Bis ich kurz vor Ende der Highschool meine Pläne für Seattle geschmiedet habe …
Victoria schiebt mich von sich und betrachtet mein Gesicht ausgiebig. Tränen sammeln sich in ihren eisblauen Augen. Obwohl sie erst Anfang zwanzig ist, zeigen sich einige graue Stellen an ihrem dunkelbraunen Haaransatz.
»Du hast dich verändert«, haucht sie wehmütig.
»Willst du damit sagen, dass ich Falten bekommen habe?«
Victoria kichert und streicht über meine Wange. »Nein. Ich finde, dass du noch hübscher geworden bist.«
Ich trete einen Schritt zurück und lasse meinen Blick über ihren Körper schweifen. Nun wirkt ihr Bauch sogar noch gewaltiger. »Danke. Du bist kugelrund und strahlst.«
Sie lacht herzlich und reibt sich über die Arme. »Komplimente waren noch nie dein Ding. Komm rein! Es ist arschkalt.« Victoria wendet sich ab und geht ins Haus.
Bevor ich ihr folge, sehe ich zum Nachbargrundstück und dem einstöckigen Blockhaus. Mister Unbekannt steht weiterhin vor seinem Wagen und schaut zu mir. Er hebt die Hand und lächelt.
So ein Arsch! Denkt er wirklich, er hätte eine Chance bei mir? Ich straffe die Schultern und schleife meinen Koffer zum Hauseingang.