Heart Rush im Yukon: Brandon & Claire

Yukon-Love-Reihe Band 1

Erscheinungstermin: 20.06.2019

Als ebook (auch über Kindle Unlimited ausleihbar) und Taschenbuch bei Amazon erhältlich.

Umfang: 326 Taschenbuchseiten

ISBN-10 : 1075018811

ISBN-13 : 978-1075018817

Es sollte der schönste Tag ihres Lebens werden!

Die 23-jährige Claire traut ihren Ohren nicht, als sie erfährt, dass ihr Verlobter Daniel den Tag der Trauung lieber mit einer anderen Frau verbringt. Augenblicklich zerspringt die Märchenhochzeit in Vancouver in tausend Scherben und Claires heile Welt mit ihr. Dabei waren die beiden schon seit der Uni das Traumpaar schlechthin.
Eines steht fest: Claire hat die Nase gestrichen voll von Männern! Um sich von ihrem Liebeskummer abzulenken, nimmt sie mit ihrer besten Freundin Kate einen Job als Nanny im Yukon an. Und plötzlich steht die Liebe mitten auf ihrem Weg – In Form des gutaussehenden Goldschürfers Brandon, der sich vor sieben Jahren in die Arbeit als Minenboss gestürzt hat, um sich von einem schweren Schicksalsschlag zu erholen.
Doch eigentlich hatte Claire sich geschworen, sich auf keinen Kerl mehr einzulassen. Und da ist auch noch Daniel, der ihr seit der Trennung unaufhörlich hinterherläuft und um Vergebung bettelt. Ein wahres Chaos der Gefühle!

Dieses Buch enthält leidenschaftliche Szenen mit Happy-End-Garantie. Die Liebesgeschichte um Brandon und Claire ist ein moderner, zeitgenössischer Liebesroman – mit romantischen Momenten, vielen Tränen und ganz viel Liebe.

Bei „Heart Rush im Yukon: Brandon und Claire“ handelt sich um den ersten Teil einer Reihe ohne Cliffhanger. Der zweite Band ist bereits erschienen. Wird auch Brandons ältere Schwester Isabella ihren Traummann in Kanada finden?

Leseprobe

Claire

»Waah! Du siehst absolut umwerfend aus, Süße!«, kreischt Kate, als sie zusammen mit Abby und Susan in mein Ankleidezimmer stürmt.
Bei diesen Worten schwenkt sie übermütig ihr Champagnerglas in der Hand, während Abby sofort ihr Handy gezückt hat und unaufhörlich Fotos von mir macht. Ich halte kurz den Atem an und bete, dass sich nicht gleich das Prickelwasser über ihr cremefarbenes Brautjungfernkleid ergießt. Für solche Eskapaden habe ich jetzt wirklich keine Nerven.
»Okaaay, Kate! Kein Champagner mehr für dich!«
Ich ziehe ihr vorsichtig das Glas aus der Hand und stelle es auf dem Schminktisch ab. Meine Handlung quittiert sie, indem sie eine Schnute zieht und mit den Augen klimpert.
Nicht auszudenken, was passiert, wenn meine Trauzeugin beschwipst ist. Sie könnte … Nein! Gehirn aus! Es gibt Dinge, über die sich eine Braut kurz vor der Trauung keine Gedanken machen sollte. Und Dinge, die schiefgehen können, gehören eindeutig dazu!
»Du olle Spaßbremse!«, keift Abby erbost.
»Mädels, wenn ihr weiter so trinkt, sehe ich meine Hochzeit in Gefahr!«
Ich stemme die Hände in die Hüften und funkle sie abwechselnd an.
»Ach, Claire! Wir sind alle so neidisch auf dich. Selbst wenn wir es am liebsten nicht zugeben würden, aber deine Märchenhochzeit ist für uns als Singles nüchtern schwer zu verkraften«, schnieft Susan plötzlich.
Abby und Kate nicken.
Ich schlucke und werfe ihnen einen verständnisvollen Blick zu. Natürlich würde ich meine besten Freundinnen auch gerne so glücklich wissen wie mich. Und dieser Satz erinnert mich daran, dass ich es wirklich verdammt gut getroffen habe.
Ich drehe mich zum Wandspiegel, um mein Spiegelbild zu betrachten. Mein weißes trägerloses Brautkleid ist wie für mich gemacht und betont dezent mein tolles Dekolleté. Um meinen Hals baumelt die weißgoldene Kette mit dem Herzanhänger, die mir Daniel zu unserem ersten Jahrestag geschenkt hatte.
Der weitfallende Rock in A-Form und die bodenlange Schleppe aus Satin, verziert mit Rüschen und Perlenstickereien, lassen mich tatsächlich wie eine Prinzessin aussehen. Meine langen, braunen Haare fallen in Wellen über meinen Rücken und sind mit weißen Röschen und Perlen geschmückt.
Da ich mich üblicherweise nicht schminke, hat die Visagistin nur auf etwas Wimperntusche und roséfarbenen Lippenstift gesetzt. Meine braunen Augen strahlen mich vor Glück an. Mein Lächeln dazu ist unbeschreiblich.
»Ach Mädels!«, seufze ich tief.
Ich eile auf meine Freundinnen zu und drücke sie sachte. Wie auf einem Boot mit Wellengang schaukeln wir zusammen hin und her und geben uns Kraft für die nächsten Stunden.
»Ihr werdet auch noch euren Traummann finden und dann genauso eine wundervolle Hochzeit feiern!«, tröste ich sie.
Alle drei hatten leider bisher kein so großes Glück in der Männerwelt und daher bin ich die Einzige in einer fast vierjährigen Beziehung, und logischerweise auch die Einzige, die nun in der nächsten Stunde heiraten wird.
»Ich kann es immer noch nicht fassen, dass Daniels Eltern für dieses Wochenende ›Rose Garden Manor‹ gemietet haben. Es ist so wahnsinnig romantisch hier«, jammert Kate leise.
Oh ja, das ist es.
Das herrschaftliche Anwesen mit den vielen Rosenbüschen und der strahlend weißen Fassade ist immer wieder der Mittelpunkt von großen Hochzeiten in Vancouver. Allerdings ist es normalerweise Leuten mit Rang und Namen vorbehalten. Für alle anderen ist es sowieso nicht bezahlbar. Es gibt genügend Zimmer, um alle angereisten Gäste unterzubringen und der Garten, in dem die Zeremonie stattfindet, bietet einen sagenhaften Ausblick auf das Meer.
»Da hast du recht. Ich weiß wirklich nicht, wie Daniel es geschafft hat, dass wir hier heiraten können«, erwidere ich verträumt.
Ich habe mir schon immer eine echte Märchenhochzeit gewünscht. Und heute soll mein Traum endlich wahr werden. Wahrscheinlich hat Daniel ein paar Kontakte über die Kanzlei spielen lassen. Und finanziell haben uns seine Eltern ausgeholfen, die uns diesen Traum unbedingt ermöglichen wollten.
Auch wenn seine Mom, Blair, mich noch nie leiden konnte, wollte sie es sich nicht nehmen lassen, die Hochzeit im ganz großen Stil zu feiern. Immerhin sind sowohl Blair als auch ihr Mann Tony bekannte Anwälte in der Stadt und profitieren vom Medienwirbel gleich mit. Und Daniel natürlich auch, der sich als Newbie in der elterlichen Kanzlei erst einen Ruf erarbeiten muss.
Es klopft an der Tür.
Abby löst sich zuerst aus unserer Gruppenumarmung und öffnet.
»Hallo, Abby! Bin ich richtig? Ist Claire hier?«
»Ja, komm rein, Mom!«, rufe ich erleichtert durch den Raum.
Mom kommt mit einem breiten Grinsen hereingeschneit und Abby schließt die Tür hinter ihr.
»Oh, mein Schatz! Du siehst bezaubernd aus!«
Mom wirft die Hände vor das Gesicht, Tränen schimmern in ihren Augen. Ihr beigefarbenes Kostüm passt perfekt zu den Kleidern der Brautjungfern. Ihre langen blonden Haare hat meine Friseurin in eine aufwändige Hochsteckfrisur verwandelt.
»Danke, Mom! Wo warst du denn so lange?«
»Ich habe euch gesucht. Es gibt hier so viele Zimmer!«, erklärt sie mir aufgebracht. »Ein Wegweiser zur Braut wäre gut gewesen«, sagt sie mit einem Augenzwinkern in Richtung meiner Brautjungfern.
»Ups, das habe ich vergessen«, gesteht Kate und knetet sich verlegen die Hände.
Ach, meine Kate – wir kennen uns schon seit dem Kindergarten und sind ebenso lange unzertrennlich. Aber dass ich nun heirate, wirft sie ordentlich aus der Bahn. Obwohl sie mit ihren blauen Augen und der blonden Lockenmähne immer schnell die Aufmerksamkeit von Männern erregt, halten ihre Beziehungen oft nicht sonderlich lange. Daher hat sie vor einiger Zeit den Entschluss gefasst, sich auf One-Night-Stands zu konzentrieren. Aber als beste Freundin weiß ich natürlich, dass sie sich insgeheim schon eine feste Beziehung wünscht.
»Mary, möchtest du ein Schlückchen?«, fragt Susan und kommt sogleich mit einem Glas und der Champagnerflasche auf uns zu.
»Schluss jetzt! Keinen Alkohol mehr bis die Trauung beendet ist!«, keife ich und mache eine einschneidende Geste.
»Ist ja gut! Hast natürlich recht«, gibt sich Susan einsichtig und sieht mich mit ihren grünen Katzenaugen entschuldigend an.
Sie kehrt um und wankt schon leicht, während sie alles wieder auf der Kommode abstellt. Ihre glatten schwarzen Haare bilden einen starken Kontrast zu ihrer hellen Haut und dem ebenso hellen Kleid.
Mein Blick schweift zur Uhr, die neben dem antiken Schminktisch steht. Es sollte jeden Moment losgehen. Wie aufs Stichwort klopft es an der Tür. Das muss Dad sein, um mich zum Altar zu begleiten.
Mom geht zur Tür und öffnet sie. Tatsächlich steht mein Dad dort. Doch statt freudestrahlend auf mich zuzugehen und mein Kleid zu bewundern, flüstert er Mom etwas ins Ohr.
Als sie ihm vor die Tür folgen will, erhebe ich meine Stimme: »Ist etwas schiefgegangen, Dad?«, frage ich leicht verunsichert.
Dad steckt seinen Kopf mit den dichten braunen Locken durch die Tür. Ich erschrecke über sein blasses Gesicht.
»Komm rein und erzähl!«, fordere ich ihn auf, und spüre ein wenig Panik in mir aufsteigen.
Er trottet, nach kurzem Zögern, in das Brautzimmer.
»Ja, es gibt ein Problem, Liebes. Setz dich besser«, sagt er mit ernster Miene und streicht sein dunkelgraues Jackett glatt.
Ganz automatisch gehe ich zum großen Himmelbett, welches mit weißen Stoffbahnen verziert ist, und setze mich vorsichtig. Ich lege die Hände in den Schoß und mache mich auf das Schlimmste gefasst.
»Okay, kann die Band nicht kommen oder ist die Torte runtergefallen?«, rate ich einfach drauflos.
»Weder noch«, antwortet er unsicher und ich merke, wie es in seinem Kopf arbeitet.
Er öffnet immer wieder kurz den Mund, um ihn gleich wieder zu schließen. So nach Worten ringend habe ich Dad wirklich noch nie gesehen.
Langsam hat die Panik mich fest im Griff.
»Was dann?«, frage ich eine Oktave zu hoch.
Er schluckt hart, schließt seine Augen und legt den Kopf in den Nacken.
»Nun sag schon, was los ist!«, fordert Mom ihn nachdrücklich auf.
»Ich war gerade im Bräutigamzimmer, um nach dem Rechten zu sehen.«
»Ja, und weiter?«, bitte ich ihn und versuche nicht die Nerven zu verlieren.
Er sieht zu Boden und spricht nach einer dramatischen Pause weiter: »Daniel ist nicht da.«
Ein Raunen geht durch die Runde und alle Blicke heften sich auf mich.
Was?
Wie?
Nicht da?
Nein! Nein? Nein!
Das kann doch nie und nimmer wahr sein!
Seit wir vor fast vier Jahren zusammengekommen sind, träumen wir von dieser Hochzeit. Er würde doch jetzt keine kalten Füße bekommen! Nicht Daniel – nein, auf keinen Fall!
Ich schüttle entschieden den Kopf. Das muss ein Irrtum sein! Vielleicht ist er nur etwas aufgeregt und geht eine Runde spazieren – aber er muss hier irgendwo sein!
Oder?
Was, wenn nicht?
Meine Gedanken überschlagen sich und meine Hände zittern wie verrückt.
»Claire?«, wispert Kate, als ich schockiert und geistesabwesend zugleich aufspringe, meine Röcke richte und im Sturmschritt aus dem Zimmer eile, ohne ein Wort gesagt zu haben.
Ich nehme den weitläufigen Flur mit dem dicken dunkelroten Teppich und den vielen Gemälden an der Wand gar nicht wahr. Auch das Getuschel meiner Freundinnen, die mir sogleich hinterherlaufen, dringt nicht zu mir durch. Mein Kopf pocht und ich bin zu keinem klaren Gedanken fähig.
Mit zittrigen Fingern drücke ich die Klinke zu Daniels Zimmer herunter und öffne die Tür, während ich den Atem anhalte. Vorsichtig linse ich in den Raum. Nur Marc und Jim sitzen wie zwei Häufchen Elend in ihren Anzügen auf der großen Couch.
Ich öffne die Tür komplett.
Daniel ist nicht da! In mir bricht alles zusammen. Mein Gesicht hat längst die Farbe meines Kleides angenommen.
»Wo ist er?«, wispere ich.
Beide sehen mich unergründlich an.
»Wo ist er?«
»Claire …«
Marc springt auf und macht ein betrübtes Gesicht.
»Wir haben ihn gestern Abend … aus den Augen verloren.«
»Wie verloren? Ich dachte, ihr habt einen Junggesellenabschied in einer Bar gemacht?«
Er kommt auf mich zu und legt seine Hände auf meinen Schultern ab. Marc ist Daniels bester Freund, Psychologe und sein Trauzeuge. Er sieht mir durch seine Brille tief in die Augen und ich muss schlucken.
Scheiße, er meint es ernst!
Mein Herz schlägt wie ein Presslufthammer in mir.
»Haben wir auch. Am Anfang … Daniel wollte in einen Club und dort ist er … mit einer Frau abgehauen. Wir haben ihn stundenlang gesucht und gehofft, dass er rechtzeitig wiederauftauchen würde.«
»Mit einer Frau?«, frage ich flüsternd und meine Stimme versagt.
Beide nicken.
Nein! Meine Gedanken rennen so schnell, dass ich nicht hinterherkomme.
Never ever!
Er hat mich doch die ganzen Jahre über nie betrogen und auf Händen getragen. Das würde er doch nicht tun, oder?
Ich blinzle ein paar Mal, um den aufkommenden Tränen Einhalt zu gebieten.
»Wer war die Frau? Kanntet ihr sie?«, will ich mit zittriger Stimme wissen.
»Eine große Blonde. Daniel kannte sie. Keine Ahnung woher. Sie hat sich beim Tanzen an ihn rangemacht. Daniel war ziemlich blau. Irgendwann habe ich sie knutschend in einer Ecke vorgefunden und wollte ihn natürlich sofort wegbringen. Aber er ist einfach mit ihr abgehauen. Ich habe Jim geholt und wir haben ihn dann gesucht, aber nicht gefunden.«
Ich kann mich nicht mehr beherrschen. Meine Gesichtszüge entgleiten und meine Augen brennen. Innerhalb weniger Minuten hat sich meine Traumhochzeit in einen absoluten Albtraum verwandelt. Ich greife nach der Kommode neben mir, damit ich nicht umkippe. Meine Eltern und Freundinnen stehen hinter mir und haben alles mit angehört.
Wie konnte er nur!?
Meine Brust verengt sich ruckartig und ich habe Mühe, richtig atmen zu können.
»Oh, Claire«, sagt Mom mitfühlend und möchte mich umarmen, aber ich schiebe sie von mir weg.
Ich muss zu Daniels Eltern!
Ruckartig raffe ich meine Röcke und bahne mir den Weg durch meine sprachlosen Begleiter, die mir sogleich nachfolgen. Langsam scheinen sie ihre Sprache wiederzufinden, denn ein Gemurmel aus gutem Zureden und vermeintlich tröstenden Worten dringt wie im Nebel zu mir durch. Ich reagiere jedoch nicht darauf. Ohne anzuklopfen, platze ich in das Zimmer von Tony und Blair, das fünf Türen neben dem von Daniel liegt.
»Wo ist er?«, frage ich völlig außer Atem.
Sie drehen sich zu mir um. Beide sehen genauso blass aus wie ich.
»Wir wissen es nicht, Claire«, gibt Tony niedergeschlagen zu.
Wie bestellt und nicht abgeholt stehen sie im Zimmer und scheinen selbst über Daniels Fernbleiben schockiert. Ihre bestürzten Gesichter passen so gar nicht zu der feinsäuberlich gebügelten Kleidung und den sorgsam frisierten Haaren.
»Wie lange wisst ihr schon davon?«
»Jim hat uns in der Nacht angerufen. Wir hatten gehofft, dass er hier sein wird.«
»Ihr hattet gehofft? Denkt ihr, ich würde euren Sohn noch heiraten, wenn er der Meinung ist, er müsste vor der Hochzeit eine andere Frau flachlegen?«, brülle ich sie an.
»Claire, du weißt doch gar nicht, was passiert ist!«, ermahnt mich Tony.
»Ihr könnt eurem Sohn ausrichten, dass es aus ist! Wenn ich von meiner Flitterwochenreise zurückkomme, ist er aus meiner Wohnung verschwunden!«, schreie ich. »Und falls ihr es noch nicht bemerkt habt: Die Hochzeit ist abgesagt!«
Ich werfe die Hände in die Luft und gehe erhobenen Hauptes aus dem Raum. Die aufkeimende Wut sorgt dafür, dass ich nicht wie ein Kartenhaus zusammenbreche.
Wie soll man in so einer Situation angemessen reagieren? Ich finde, wenn sich in der Nacht vor unserer Hochzeit mein zukünftiger Mann – äh ex-zukünftiger Mann – dazu entscheidet, sich durch fremde Betten zu vögeln, ist ein bisschen Drama angemessen!
Geht’s noch!?
Ich muss hier weg!
Ich werde es mir nicht nehmen lassen, heute Abend alleine nach L.A. in die Nicht-mehr-Flitterwochen zu fliegen. Dafür habe ich mich einfach zu sehr darauf gefreut und der Abstand wird mir sicher auch mehr als guttun.
Mein nervtötender Anhang hat sich teilweise aufgelöst, als ich davonrenne. Mom und Dad diskutieren wild mit Daniels Eltern. Ich greife nach Kates Hand und steuere mit ihr mein Zimmer an.
»Was hast du jetzt vor?«, fragt sie und runzelt verwirrt die Stirn.
»Ich hole meinen Flitterwochenkoffer, sage den Gästen unten, dass sie sich heute ohne Hochzeit amüsieren dürfen und haue hier ab.«
»Mensch Claire, meinst du nicht, dass du etwas überreagierst? Vielleicht ist das Ganze völlig anders, als du denkst? Er liebt dich doch über alles!«
»Verteidigst du ihn jetzt etwa?«, keife ich sie an.
Ich ziehe die Augenbrauen hoch, bleibe abrupt stehen und sehe ihr aufmerksam in die Augen.
»Mhm, na ja …«, druckst sie herum.
»Auf wessen Seite stehst du?«, schimpfe ich.
»Auf deiner natürlich!«
»Gut! Dann ruf mir bitte ein Taxi und hilf mir mit meinem Gepäck.«
Im Zimmer angekommen, suche ich den Koffer und meine Handtasche zusammen, während Kate telefonisch ein Taxi organisiert. Abby und Susan haben uns gefunden und trudeln ebenfalls ein. Ihre Hochsteckfrisuren haben sich teilweise gelöst. Sie sehen mich unsicher an.
»Claire, es tut mir so leid«, schluchzt Susan und wischt sich Tränen aus den Augen, die schwarze Schlieren hinterlassen.
»Sicher nicht so sehr, wie es ihm noch leidtun wird!«, fauche ich.
»Taxi ist in fünf Minuten da«, verkündet Kate.
»Taxi? Was hast du vor?«, wundert sich Abby.
»Nach Los Angeles fliegen.«
»Oh.«
Mehr bekommen sie nicht heraus und ich lasse sie stehen. Für weitere Erklärungen fühle ich mich nicht im Stande.
Mit meinen Sachen und Kate gehe ich so würdevoll wie möglich die elegante weiße Holztreppe mit dem roten Teppich und der Goldbordüre hinunter. Im Rosengarten, in dem bereits die Gäste versammelt sind, bleibe ich schnaufend stehen.
Die meisten sitzen bereits auf den weißen Stühlen, die im Halbkreis vor dem wunderschönen Rosenbogen verteilt sind. Weiße Rosengestecke verzieren das kleine Podest, welches über einen grünen Teppich zu erreichen ist. An den Seiten stehen mit weißem Stoff bezogene Stehtische mit passenden Blumengestecken darauf.
Als sie mich bemerken, drehen sich alle zu mir um und es wird mucksmäuschenstill. Nur leises Rauschen des Meeres in der Ferne und sanftes Vogelgezwitscher sind zu hören.
Wahnsinnig viele Augenpaare fixieren mich.
Alle sehen mich erwartungsvoll an.
Sie ahnen was jetzt kommt.
Mein Blick schweift zum Meer im Hintergrund, über dem einige Möwen im Wind dahingleiten. Es wäre so schön geworden. Ein ganzes Jahr Planung hat es mich gekostet und nun ist alles umsonst gewesen. Wehmütig schaue ich über den Garten und spüre wieder die Tränen aufsteigen.
Ich streiche über meinen Verlobungsring mit dem Diamanten, atme tief durch. Mit der Zunge benetze ich meine trockenen Lippen und räuspere mich.
»Liebe Gäste! Ich fürchte, der Bräutigam hat es sich anders überlegt. Daher fällt die Hochzeit aus. Macht euch heute einen schönen Tag. Ich bin dann mal weg!«, informiere ich sie mit bebender Stimme.
Ohne Umschweife drehe ich mich um und laufe zurück durch die herrschaftliche Villa mit den vielen Skulpturen und Kunstwerken. Ich versuche, die Gedanken, die mein Gehirn umwabern, abzuschotten, aber das wilde Gemunkel von draußen bleibt mir nicht erspart. Abby und Susan stehen oben auf der Treppe wie erstarrt.
Tja Mädels, so viel zur Märchenhochzeit. So was wünsche ich euch jedenfalls nicht!
Mit meinem Gepäck und gefolgt von Kate gehe ich zum Eingang. Das bestellte Taxi biegt soeben in die Einfahrt ein und ich laufe ihm entgegen. Das plätschernde Wasser des Springbrunnens in der Mitte des Wegs funkelt im Sonnenlicht wie tausend kleine Edelsteine.
»Willst du dir das nicht noch mal überlegen?«, flüstert Kate mir zu und legt mir ihre Hand auf den Arm.
»Da gibt es nichts zu überlegen. Er hat mir mit seiner Aktion das verdammte Herz gebrochen und ich will ihn nie wiedersehen!«, platzt es aus mir heraus.
Der Fahrer hält vor uns und hilft mir beim Einladen. Ich drücke Kate kurz und verabschiede mich für die nächsten zwei Wochen von ihr.
»Pass auf dich auf!«
»Ja. Ich melde mich, wenn ich angekommen bin«, versichere ich.
Ich steige ein und nenne dem Fahrer meine Adresse. In dem Kleid kann ich unmöglich zum Flughafen. Daher ist ein Zwischenstopp in unserer – ähm – meiner Wohnung unabdingbar. Außerdem habe ich noch sehr viel Zeit, bis der Flug geht. Ich hätte es in der Villa eh keine Sekunde länger ausgehalten.
Wie eine Steinsäule sitze ich im Taxi und bin über meine Selbstbeherrschung erstaunt. Keine einzige Träne hat es bislang geschafft, sich den Weg zu bahnen – keine einzige! Nur in meinem Kopf arbeitet es unaufhörlich. Je länger ich über die ganze Situation nachdenke, umso wütender werde ich.
Wie konnte er nur die bisherigen Jahre mit einer einzigen Nacht so unwiederbringlich zerstören? Bilder unserer gemeinsamen Zeit spuken mir vor den Augen herum.
Als wir uns das erste Mal in der Uni getroffen haben, war ich auf Anhieb hin und weg von ihm. Seine selbstbewusste Art hat mir sofort gefallen. Daniels hellbraune Haare mit den strahlend grauen Augen taten ihr Übriges. Er ist zwar kein besonders durchtrainierter Typ, aber sein liebenswerter Charakter sorgte dafür, dass er sehr beliebt und umgarnt von anderen Studentinnen war.
Anscheinend hatte ich mich getäuscht und er war doch nur ein Kerl, der mit seinem Schwanz dachte. Auch wenn ich das niemals für möglich gehalten hätte. Ich hatte viele Neider, aber Daniel gab mir stets zu verstehen, dass er nur Augen für mich hatte.
Was, wenn auch das gelogen war? War es womöglich doch nicht das erste Mal … Ich stoppe diesen Gedanken ruckartig und wechsle gedanklich das Thema. Ich denke an den Nanny-Service, den ich mit Kate gegründet hatte. Ohne Daniels Unterstützung hätte ich das nicht geschafft. Man, Daniel!